Donnerstag, 13. November 2014

Berlin strahlt und ich mit


„Ich freue mich so“, dieser Ausspruch einer im Trabant

sitzenden jungen Frau, die erstmals in den Westen reisen durfte, hat mich tief beeindruckt, spiegelte er doch das wider, was ich beim Fall der Mauer empfand. Meine Mutter war von der Oder, mein Vater von der Saar, mit meinem Mann lebe ich im Rhein-Neckar-Raum. Ich habe den Osten und den Westen kennengelernt, war schon immer tief davon überzeugt, dass ich das Ende der Teilung Deutschlands erleben würde.
Als die unser Land zerschneidende Mauer fiel, ging mir das Herz auf. Vor dem Fernseher sitzend hatte ich staunend die Meldung gehört, war begeistert auf die kleine Straße vor unserem Haus gerannt, um zu feiern. Kein Nachbar weit und breit in Sicht, Totenstille im Viertel. Nur zu gerne hätte ich mich in den Zug gesetzt, wäre voller Begeisterung dorthin gefahren, wo die Mauer eingerissen wurde. Meine Familie überredete mich, abzuwarten, denn niemand wusste, was passieren würde.
Inzwischen war ich schon oft im vereinten Berlin, erlebte mit, wie sich die gemeinsame Hauptstadt entwickelte. Nun, nach 25 Jahren, durfte ich dort mit meiner Familie und Freunden an einem Gefühl teilhaben, das einer Umarmung glich. Die Feierlichkeiten zum Mauerfall und die Stimmung waren einfach großartig, Berlin strahlte mit den Gesichtern der Menschen um die Wette. An den als Mahnmal stehenden gebliebenen Mauerrest in der Bernauer Straße gelehnt, hörte ich Musik und Lachen, sah ich die weißen Ballons, die eine unmenschliche Grenzziehung markierten, in den Himmel abheben. Eine schöne Idee.

Egal ob es in der Ex-DDR eine große Gemeinschaftssinn, Arbeit für alle oder bessere Kindergärten gab, für mich war und ist es ein Verbrechen, Menschen einzusperren, sie ihrer Bewegungsfreiheit zu berauben, sie an Begegnungen mit ihren Freunden und Familienmitgliedern zu hindern, ihnen Reisen nach Italien, Spanien oder Griechenland zu verwehren, sie „zu ihrem Glück zwingen zu wollen“. Das konnte nicht gutgehen. Die Freiheit ist eine mächtige Pflanze, die zum Licht drängt. Danke, dass alles so gekommen ist und friedlich ablief. Denkt zurück und haltet euch aus Kriegen raus, auch ein „kalter Krieg“ strömt Kälte aus, die ich nicht mehr haben will.
Ein kleiner Junge stand an der Mauer, hob die Arme, sagte: „Jetzt werde ich erschossen“, eine Sängerin mit Namen Anika von Trier sang eine Ballade auf Karl Marx, Ausflugsschiffe machten sich unter dem Mauerfall-Motto auf den Weg, den früher niemand fahren durfte. Nicht ganz so glücklich war unsere Wahl für eine Schifffahrt auf der Spree gefallen, statt ein modernes Boot mit gläsernem Dach hatten wir einen Kahn aus Holz ausgesucht, in dem die Berliner Luft leider ziemlich stank. Zu Fuß gingen wir am Kanzleramt vorbei, der modern gestalteten Waschmaschine, deren Anblick mich jedes Mal in Staunen versetzt, wie weit wir uns von Bonn entfernt haben, das wir uns aus Nostalgie immer noch als „Ableger“ leisten. Wie lange wohl?
In der nicht ganz so stachligen „Distel“ am Bahnhof Friedrichstraße lief das Kabarettstück „Im Namen der Raute“, das im Keller des noblen Adlon spielte. Dabei warteten die zu einer Raute geformten Hände der Kanzlerin vergeblich darauf, Präsident Obama die Hand schütteln zu können. Caroline Lux gab eine wunderbare Parodie von Ursula von der Leyen, Timo Doleys und Edgar Harter als Merkel und Prof. Sauer im Ehebett waren zum Schießen.
Von der Humboldt-Box aus konnten wir hautnah den Fortschritt am Neubau des Berliner Stadtschlosses verfolgen, dem „Erichs Lampenladen“ weichen musste. Es lohnte sich auch, das neue, riesigen Shoppingquartier „Mall of Berlin“ (76.000 m²) in Augenschein zu nehmen. Die urbane Konsum-Kathedrale steht an historischer Stelle, nämlich dort, wo einst in der Nähe von Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und Reichstag das seinerzeit größte Warenhaus (Wertheim) des europäischen Kontinents lockte. Die Adresse für den Haupteingang, das darf frau unbefangen sagen, lautet Mohrenstraße.
Bis „airberlin“ uns wieder schnell und unproblematisch zurück nach Hause brachte, habe ich mich an vielen verschiedenen Stellen umgesehen, zum Eindringen in die Museumsinsel, die ich leidenschaftlich gern besuche, reichte die Zeit ausnahmsweise nicht, denn feiern war angesagt. Es waren nur drei ereignisreiche Tage, doch ich habe mir fest vorgenommen, im nächsten Jahr wiederzukommen. Auch wenn das prächtige Pergamonmuseum wegen Renovierung fünf Jahre geschlossenen bleibt, gibt es so viel zu sehen und noch mehr zu erleben, zum Beispiel die gerade laufende Dali-Ausstellung.
Jedes Mal gilt es, neue Bauten zu entdecken, die seit dem letzten Besuch aus dem Boden wuchsen, das reiche Angebot an Restaurants unter die Lupe zu nehmen, interessante Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zu treffen. Den besten Kuchen der Stadt hält ein Café in der Ackerstraße bereit! Mir gefällt die sachliche neue Architektur, wobei mein Wunsch bleibt, dass auch die alten Häuser bald Fahrstühle bekommen (wir werden alle älter, ein finanzieller Ansporn dafür „von oben“ wäre nicht schlecht).

Berlin hat mich davon überzeugten, dass diese Stadt es verdient, wenn die Völker der Welt wieder darauf schauen. Verspielen wir es nicht, das Glück der Stunde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen